Pestprozession
19 Saturday May 2012
Written by Silvia Rier in Brauchtum, Deutsch, Dorf & Leben, Tradition & Volkskunde
Als ich gestern früh über den Dorfplatz eilte, schnitten meine Ohren ein Gespräch mit, das ein mit zwei Hunden bewehrter Gast aus dem Süden mit seinen beiden Frauen – die klassische italienische Konstellation: Ehefrau und Mutter oder Schwiegermutter, so darf wohl mit einiger Sicherheit angenommen werden - führte, oder vielmehr stellte er den beiden Damen eine Frage, die selbige aber wohl kaum in der Lage gewesen sein dürften, zu beantworten: Er fragte, ob die Prozession, die da durch die Gasse und über den Kirchplatz (bei uns heißt das Dorfplatz), dem Kirchenpatron gewidmet sei, ob Kastelruth sein Patroziniumsfest feiere.
Ich konnte ein mitleidiges Lächeln nicht verhindern: Der Mann hat eine Ahnung! Die “großen” Prozessionen hier im Dorf sind grandiose Feste, mit den schönsten Trachten, den strahlendsten Farben, den größten Fahnen, der besten Musikkapelle, den stolzesten Menschen… und das alles schier ohne Ende.
Nein, was da gestern durch das Dorf zog, war ein vergleichsweise “armseliger” Zug: Keine Fahnen, keine Trachten, kein Schmuck und keine Pracht, die vergleichsweise spärlichen Teilnehmer in schlichter Alltagskleidung, lediglich die Kirchenmenschen schritten unter einem Baldachin einher und in den Fenstern der Häuser, an denen die Prozession vorüberging, brannten Kerzen: Denn tatsächlich war es die Pestprozession, die dem Mann da begegnete.
Seit etwa 200 Jahren begehen die Kastelruther einmal im Jahr - am Freitag nach Christi Himmelfahrt, um genau zu sein – diese immergleiche Route mit dem immergleichen Ritus: Um 03.30 Uhr morgens “ruft” die Große (Glocke) die Menschen aus ihren Betten, und um 04.00 Uhr setzt sich der Zug – Männer voran, Frauen hintendrein, ganz wie es sich gehört
in Richtung St. Michael, von dort via Pestfriedhof nach St. Valentin und wieder heim nach Kastelruth, wo sie um etwa 10.00 Uhr eintreffen und die letzte der insgesamt drei Messen dieses Tages hören.
Früher war es üblich oder vielmehr Pflicht, dass pro Haushalt mindestens ein Kopf an dieser Prozession teilnahm. Das ist natürlich längst nicht mehr so, aber immerhin: Wenn man bedenkt, wie weit die letzte Pestepidemie zurück liegt und wie wenig akutell die Pest überhaupt ist, so ist es doch erstaunlich, wie viele Menschen noch immer an diesem Brauch festhalten und sich um halb vier Uhr früh aus dem Bett quälen, um zu bitten und zu beten, der Herrgott möge doch diese Gegend von der Pest verschonen.
Es muss das, so um 1730, eine schreckliche Zeit gewesen sein, wenn sie so lange und so nachhaltig in den Genen der  Nachkommen nachhallt: Sagen erzählen schaurige Geschichten darüber, wie damals das Vieh in den Ställen brüllte, weil am Hof niemand mehr am Leben war, der es hätte versorgen können, wie die Menschen ein brennendes Lichtlein in das Fenster stellten, um zu signalisieren, dass in diesem Haus noch jemand am Leben war, wie die Totengräber all die vielen Leichen gar nicht mehr gesittet unter die Erde bringen konnten, und wie, am Ende, die Seuche um ein Haar alles Leben im Dorf ausgelöscht hätte.
Damit so etwas nie wieder vorkomme, wälzen sich um 03.30 Uhr am Freitag nach Christi Himmelfahrt die gottesgläubigen Kastelruther aus ihren Betten und begehen die schlicht-bescheidene Pestprozession: keine Farben, kein Prunk und keine Pracht, keine Musik und keine Zuschauer – nur schlichte Andacht und vermutlich einfach Glaube.
Ich denke mir halt, dass das so sein muss: Ich kann mir nämlich schlicht und einfach nicht vorstellen, dass eine Gärtnerei – Kräuter- oder welche Gärtnerei auch immer – schöner sein könnte als das der Pflegerhof (
“Eva schläft” ist ein ziemlich gelungener Roman der römischen Autorin Francesca Melandri; in ihrem Buch beschreibt die Autorin a) die Geschichte Südtirols und b) die Geschichte einer Liebe zwischen dem Süden Italiens und dem Pustertal. Ich persönlich habe a) bei weitem bevorzugt – die Autorin schafft es, heikle Situationen, die an und für sich hohes Kitsch-/Rührseligkeitspotential haben,  in schöne, starke Worte zu packen. Das mochte ich sehr – allerdings: Ich habe das Buch im italienischen Original gelesen (ja, diesen Luxus leiste ich mir, wo immer möglich).
 Doch ist unsere Welt ja schön, weil sie bunt ist, und ich MUSS ja nicht skifahren, also  lasse ich es bleiben und wende mich den Alternativen zu, die es ja gibt (haben wir’s nicht schön?!) und als da wären, unter anderen und wie schon gesagt: der Langlauf. Etwas für Trendsetter, ja Â